Julia Rinnhofer
Das Wichtigste in Kürze
- Mit PORTHOS digitalisiert die ÖBB-Infrastruktur Planung, Disposition und Abwicklung der Zugvorbereitung im Schienengüterverkehr – von der Trassen- bzw. Verschubbestellung bis zur automatisierten Zugdateneinmeldung.
- Eine Webplattform löst gewachsene Insellösungen und nicht mehr gewartete Altsysteme ab und stellt allen Beteiligten dieselben Daten in Echtzeit bereit.
- Die Dimension: bis zu 4.000 Güterzüge pro Tag und über 15 Schnittstellen zu Umgebungssystemen.
- Evolit ist Teil des kundengeführten Projektteams und bringt Kompetenz von der Anforderungsanalyse bis zur Softwareentwicklung ein.
Bevor ein Güterzug abfährt, ist viel zu tun: Wagen werden verschoben und zu Zügen zusammengestellt, Gleise und Personal geplant und Zugdaten an die richtigen Stellen übermittelt. Diese Zugvorbereitung lief lange über viele einzelne Werkzeuge und gewachsene Altsysteme.
Mit PORTHOS baut die ÖBB-Infrastruktur diese Abläufe neu auf: Eine einzige Webplattform bündelt Planung, Disposition und Abwicklung der Zugvorbereitung und automatisiert manuelle Tätigkeiten. Evolit arbeitet dabei als Technologiepartner im kundengeführten Projektteam mit.
Ausgangslage: Viele Werkzeuge, keine gemeinsame Datenbasis
Ein essenzieller Prozess im Schienengüterverkehr ist der sogenannte Verschub, also das Zerlegen und die Bildung von Zügen. Dieser Prozess wurde lange mit einer Mischung aus Excel, Telefon, E-Mail, Funk und Papier geplant und abgewickelt. Dazu kamen Altsysteme, die einerseits als Insellösungen entstanden waren und andererseits nicht mehr gewartet wurden. Mit ihnen drohte auch wertvolles Know-how verloren zu gehen.
Ein weiteres Problem: der niedrige Standardisierungsgrad. Jeder Verschubbahnhof in Österreich hatte über die Jahre eigene Arbeitsmethoden und Strukturen entwickelt. Daten und Schnittstellen haben keinem einheitlichen Muster gefolgt und die Datenqualität schwankte.
Das Ziel der ÖBB-Infrastruktur war eine gemeinsame digitale Geschäftsarchitektur, die alle relevanten Prozessschritte der Zugvorbereitung abbildet, eine konsistente Datenbasis für alle Beteiligten bereitstellt und externe Anwendungen integrieren kann. Dabei sollen die Durchlaufzeiten sinken, die Planungsgenauigkeit steigen und Informationen durchgängig digital verfügbar sein.
Umsetzung: Individuelle Softwareentwicklung für die digitale Zugvorbereitung
In der Vorprojektphase wurden mehrere Fertiglösungen bewertet, jedoch erfüllte keine davon die spezifischen Anforderungen. Die Wahl fiel deshalb auf eine individuelle Software-Lösung mit Evolit.
Anforderungen direkt aus dem Betrieb
Die Anforderungen entstehen in gemeinsamen Workshops mit dem Fachbereich und werden als User Stories für die Entwicklung aufbereitet. Eine der größten Aufgaben dabei: die unterschiedlichen Arbeitsmethoden der einzelnen Verschubbahnhöfe zu erfassen und zu einem gemeinsamen Prozess zusammenzuführen.
Dabei sind zahlreiche Stakeholder eingebunden, vom Verschub über Zugsteuerung und Netzzugang, anderen Konzerngesellschaften bis zu Eisenbahnverkehrsunternehmen. Für Änderungen im Projektverlauf sorgt ein eingespielter Change-Prozess mit klaren Bewertungskriterien und mehreren Genehmigungsschritten.
Eine Architektur für den schrittweisen Ausbau
Technisch ist PORTHOS eine moderne Webapplikation auf Basis einer Microservice-Architektur mit getrennten Datenpools, eventbasierter Kommunikation und eigener Synchronisationslogik. So lässt sich die Plattform Modul für Modul erweitern, während Altsysteme nach und nach abgelöst werden.
Über 15 Schnittstellen verbinden PORTHOS mit den Umgebungssystemen, darunter hochkomplexe Legacy-Schnittstellen mit jeweils über 300 Parametern. Dazu kommen Anforderungen mit Relevanz für die Bahnsicherheit (SIL) sowie internationale Standardisierungsvorgaben. Ausgelegt ist das System auf den realen Betrieb mit bis zu 4.000 Güterzügen pro Tag.
Planung sichtbar machen
Besonderes Augenmerk gilt der Bedienbarkeit. Das Herzstück ist eine grafische Planungsoberfläche mit Raum-Zeit-Koordinatensystem: Planer:innen sehen auf einen Blick, was wann auf welchem Gleis passiert – inklusive automatischer Konflikterkennung. Auch der komplexe Bestellprozess für Trassen und Verschubleistungen wurde in Abstimmung mit dem Bestell- und dem Trassenkonstruktionssystem so abgebildet, dass er sich im Browser einfach bedienen lässt.

Ergebnis: Von der Trassenbestellung bis zur automatischen Zugdateneinmeldung
Das Projekt läuft noch, ein großer Teil der Plattform ist aber bereits umgesetzt. PORTHOS deckt mehrere Abschnitte der Zugvorbereitung ab:
- Bestellung und Machbarkeitsprüfung für Trassen- sowie Verschub- und Anlagenbestellungen
- Gleis- und Personalplanung
- Disposition, Wagenübergänge, Transportkettenplanung
- Operative Durchführung
- Bedienfahrten (erste / letzte Meile)
- Verwaltung von Abstellkapazitäten
- Zugdateneinmeldung: automatisiert nach den Standards Hermes und TAF-TSI

Was früher über viele einzelne Werkzeuge lief, bildet PORTHOS in durchgängigen digitalen Prozessen ab. Drei Effekte sind dabei besonders spürbar:
Weniger manuelle Tätigkeiten
Die automatisierte Zugdateneinmeldung spart manuellen Aufwand im Verschub. Die Bedienung ist darauf ausgelegt, die Mitarbeiter:innen zu entlasten, statt zusätzliche Arbeit zu erzeugen.
Eine Datenbasis in Echtzeit
Alle Beteiligten arbeiten mit denselben Daten, die in Echtzeit zur Verfügung stehen. Das Management erhält damit eine solide Grundlage für die Ressourcensteuerung.
Sinkende Betriebs- und Wartungsaufwände
Mit jeder Ausbaustufe löst die Webapplikation bestehende Altsysteme ab. Das trägt dazu bei, die laufenden Betriebs- und Wartungsaufwände zu senken, und reduziert die Abhängigkeit von Systemen, für die es kaum noch Know-how gibt.
Ausblick: Ausbau bis Ende 2028
Weitere Ausbaustufen sind bis Ende 2028 geplant. PORTHOS wächst damit zur universalen Plattform für die gesamte Zugvorbereitung.
„Mit PORTHOS bekommen unsere Mitarbeiter:innen ein Werkzeug, das ihnen Arbeit abnimmt, statt zusätzliche zu machen – und wir eine Datenbasis, auf die wir uns verlassen können.”
Robert Steiner
INFRA Betriebsführung Verschub, ÖBB-Infrastruktur AG
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